WEIRD CITY

Weird City
 
„Ich habe das perfekte Haus für uns gefunden!“ sagte Jonas und drehte den Laptop so, dass Jenny den Bildschirm sehen konnte. „Neun Zimmer, große Küche mit Kücheninsel und ein großer Garten.“
„Was sollen wir denn mit neun Zimmern anfangen?“ fragte Jenny zurück, sah aber trotzdem interessiert auf den Screen. „Wow, es sieht wirklich toll aus!“ Und das tat es auch. Es war ein schönes, imposantes Haus mit vielen Erkern und einem kleinen Türmchen an der einen Seite.
„Ach, die Zimmer kriegen wir schon genutzt!“ entgegnete er und zählte auf: „Wohnzimmer, Esszimmer, für jeden ein Büro, Schlafzimmer, Gästezimmer. Die anderen zwei Zimmer befinden sich in dem Türmchen und du könntest sie als Atelier nutzen. Und ich kriege das letzte frei Zimmer für meine Modelleisenbahn“
Jonas strahlte sie an. Amüsiert klickte Jennifer sich durch die Bilder auf der Immobilienseite.
„Du hast recht – es ist fantastisch. Aber was soll es kosten? Das können wir uns doch im Leben nicht leisten!“
„Doch!“ gab er zurück. „Das Haus liegt voll in unserem Budget.“
Jenny war überrascht.
„Okay, wo ist der Haken“ fragte sie dann und sah augenblicklich an dem Ausdruck in Jonas Gesicht, dass es tatsächlich einen gab.
„Nun ja.“ Er zögerte.
„Komm schon, raus damit. Was ist faul an der Sache?“
„Also, naja, das Haus liegt jetzt nicht gerade in einer Großstadt. Es ist eine kleine Stadt mitten im Nirgendwo. Die Stadt war schon fast ausgestorben, weil sie eben so weit ab vom Schuss liegt – doch jetzt versuchen sie, sie wieder zu beleben.“
Je mehr Jenny darüber nachdachte, umso weniger schreckte sie das ab. Jonas und sie arbeiteten beide von zu Hause aus, sie konnten hinziehen, wo immer sie wollten. Auch waren sie beide keine Partymenschen, sie mochten es gerne ruhig und gemütlich.
 
Jonas sah dem davonfahrenden Möbelwagen nach, dann schnappte er sich den letzten Umzugskarton und trug ihn in sein neues Haus.
„Das ist der letzte!“ teilte er seiner Frau mit und stellte ihn in dem Zimmer ab, in dem schon mindestens 15 andere seiner Art gestapelt waren.
Er ließ sich auf einem Küchenstuhl nieder und griff nach der Tasse Tee die für ihn bereitstand.
 
Zwei Wochen später war auch dieser letze Umzugskarton ausgepackt und bis auf Jonas´ Modeleisenbahnzimmer war das Haus komplett nach ihrem Geschmack eingerichtet. Sie hatten sich schnell eingelebt und fühlten sich schon richtig wohl in ihrem neuen Zuhause.
Das Haus war auch wirklich schön. Die zwei Erker waren zu gemütlichen Leseecken geworden, die Küche war groß und gemütlich und der Kamin im Wohnzimmer würde ihnen im Winter fantastische Dienste leisten. Auch der Garten war wunderschön, auch wenn Jennifer ein bisschen Angst hatte mit den perfekten Vorgärten in ihrer Nachbarschaft nicht mithalten zu können.
Sie hatte ein bisschen Unkraut gejätet und wollte gerade zurück ins Haus gehen, als sie ihre Nachbarin am Zaun des Nachbarhauses stehen sah.  Jenny hob die Hand, winkte ihr zu – und wurde mit einem strahlenden Lächeln zurückgegrüßt.
„Das ist wohl eine gute Gelegenheit die ersten Nachbarn kennenzulernen,“ sagte sie leise zu sich selbst und ging hinüber zu der Frau. Sie war mittelgroß, schlank, mit leuchtend grünen Augen und trug die blonden Haare in einem modernen Kurzhaarschnitt raspelkurz geschnitten.
„Hi, ich bin Jenny! Sie haben ja bestimmt schon gesehen, dass wir hier neu eingezogen sind – es ist eine wirklich tolle Nachbarschaft!“ stellte sie sich vor.
Die Frau nickte, immer noch mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht.
„Ich bin Janette. Schön, dass wir uns kennenlernen!“ sagte sie.
Jenny lächelte zurück.
„Sie haben so schöne Rosen Janette. Ich hoffe, ich bekomme unseren Vorgarten auch so schön hin.“
Janette nickte und streichelte eine gelbe Blüte an dem Busch neben ihr.
„Ja, sie wachsen dieses Jahr richtig gut, und sie duften großartig.“ Sie hob eine Gartenschere vom Boden auf, knipste die Rose ab und hielt sie Jenny hin. „Hier, riechen Sie mal!“
Gehorsam hielt diese ihre Nase an die Blüte und nickte annerkennend, obwohl sie gar nicht fand, dass die Blume gut roch – um genau zu sein, roch sie eigentlich fast gar nichts. Besonders schön war sie auch nicht, aber das konnte sie Janette natürlich nicht sagen, und so nahm sie sie mit gespielter Freude an, als die Nachbarin sie ihr als Geschenk anbot.
Als das Gespräch nicht so richtig in Gang kommen wollte verabschiedete sie sich schließlich und ging zurück ins Haus.
Später erzählte sie Jonas von ihrer ersten Begegnung in dieser neuen Stadt, doch so richtig in Worte fassen konnte sie das komische Gefühl nicht, das sie dabei gehabt hatte.
 
Am Wochenende stand der erste Großeinkauf an. Bislang hatten sie das notwendigste in dem kleinen Laden an der Ecke besorgt, doch nun war es an der Zeit sich richtig einzudecken und die Vorräte aufzustocken.
Der große Supermarkt am Stadtrand bot auch wirklich alles was sie sich wünschen konnten, und so füllten sie ihren Einkaufswagen richtig voll und reihten sich sich dann in die doch recht lange Warteschlange an der Kasse ein. Neugierig betrachtete Jenny die Leute um sich herum, als Jonas sie plötzlich verstohlen anstieß.
„Schau mal,“ sagte er leise und deutete auf den Einkaufswagen des älteren Mannes vor ihnen. Sie sah hinein. Brokkoli, Nudeln, Milch, Eier, eine Kiste Wasser auf der Abstellfläche unter dem Wagen. Zwei große Tafeln Schokolade, Cornflakes und eine Flasche Spülmittel.
Fragend sah sie Jonas an. Wortlos deutete er auf den Wagen der Frau hinter ihnen.
Brokkoli, Nudeln, Milch, Eier, eine Kiste Wasser, Schokolade, Cornflakes, Spülmittel. Sie blickte in verschiedene Einkaufwägen an den Kassen.
„What the fuck? Warum kaufen die alle das gleiche?“ fragte sie Jonas, doch er zuckte nur ratlos mit den Schultern.
„Ein paar haben andere Sachen“ sagte er.
Jenny sah sich weiter um. An den drei geöffneten Kassen standen 16 Menschen oder Paare mit ihren Einkaufswagen. Außer ihrem eigenen waren noch drei weitere davon mit verschiedensten Lebensmitteln und Gebrauchsgütern gefüllt, alle restlichen enthielten exakt die gleichen Produkte wie die der Personen vor und hinter ihnen.
„Vielleicht die heutigen Sonderangebote?“ murmelte sie und Jonas zuckte erneut mit den Schultern.
 
Nach ein paar Wochen hatten sich Jonas und Jennifer gut in ihrer neuen Stadt eingelebt und in den Nachbarn gegenüber gute Freunde gefunden. Jasmin und  Jan waren auch erst vor wenigen Monaten hier eingezogen und kannten noch nicht viele Leute in der Stadt.
Alle anderen Nachbarn jedoch waren irgendwie sonderbar. Das allein war eigentlich nicht ungewöhnlich, es gab ja immer Leute mit denen man sich besser verstand als mit anderen. Das Komische war eher, dass alle auf die gleiche Art und Weise sonderbar erschienen.
Sie alle waren superfreundlich. Wen auch immer man traf, man wurde mit einem strahlenden Lächeln begrüßt und immer waren sie für ein Schwätzchen zu haben.
Manchmal wenn sie mit ihren neuen Freunden zusammensaßen, redeten sie darüber.
„Sie sind alle irgendwie so gleich,“ sagte Jonas gerade.
„Ja!“ fiel Jasmin ein. „Sie sind immer freundlich, sie lächeln immer dieses Lächeln, das nicht so ganz echt wirkt.“
„Und sie sind total schlecht in Smalltalk“ warf Jenny jetzt ein. „Sie sind superfreundlich, man hat den Eindruck sie wollen sich unterhalten, aber sie tragen nichts dazu bei.“
„Wie meinst du das genau?“ fragte Jasmin stirnrunzelnd.
„Na, sie antworten auf alle Fragen, aber sie stellen nie welche. Wenn du das Gespräch nicht aufrecht erhältst, dann stockt es und sie stehen einfach nur da und warten darauf, dass du etwas sagst. Das ist so unangenehm! Ist dir das noch nie aufgefallen?“
„Hm, jetzt wo du es sagst …“
Ihre neue Freundin nickte langsam. „Das stimmt. Ich habe schon gar keine Lust mehr auf ein Schwätzchen, aber sie wirken immer so abwartend – so als ob sie sich unbedingt mit dir unterhalten wollen. Naja, die Leute in dieser Stadt haben halt ihre ganz eigene Mentalität“
 „Ist euch beim Einkaufen schon mal etwas Komisches aufgefallen?“ fragte Jonas gespannt.
Die beiden verneinten.
„Fast alle haben immer das Gleiche im Eingkaufswagen. Also, es gibt Ausnahmen, aber so 80% der Menschen haben immer das Gleiche im Wagen. Was genau variiert an den verschiedenen Tagen, nur der Brokkoli bleibt gleich. Diese Stadt muss einen unglaublichen Verbrauch an Brokkoli haben.“
„Das ist mir noch nie aufgefallen.“ sagte Jan verwundert. „Aber wo du Brokkoli erwähnst – Letztens als wir in dem Restaurant an der Hauptstraße essen waren, da hat fast jeder dort das Tagesgericht gegessen. Es war Brokkoliauflauf. Wir haben noch gescherzt, dass der Auflauf wohl die Spezialität des Hauses sein muss.“
 
Die nächsten Wochen verliefen eher unspektakulär. Jenny hatte ihr Atelier vollständig eingerichtet und war die meiste Zeit am Malen. Jonas arbeitete viel am Computer um seine kleine Firma am Laufen zu halten.
Langsam wurden sie auch mit den anderen Nachbarn warm – naja, ein bisschen wärmer zumindest.
Janette von nebenan brachte ab und an Kekse vorbei und je besser Jennifer sie kennenlernte, desto mehr hatte sie auch zu erzählen. Stockende Gespräche hatten sich in interessante Unterhaltungen über Politik, Umwelt und Kunst verwandelt. Auch die anderen Nachbarn waren nun weitaus gesprächiger – ab und zu gab es sogar Nachbarschaftsparties, bei denen alle zusammenkamen und so manchen netten Abend verbrachten.
Auch das Supermarktphänomen verschwand langsam. Fast alle Leute schienen ganz normal einzukaufen, das Einzige was blieb war der unsagbare Brokkolikonsum der Stadt. Doch das fiel ihnen eigentlich schon gar nicht mehr auf.
Abends saßen sie nach wie vor oft mit Jan und Jasmin zusammen bei einem Glas Wein oder einem gepflegten Bier.
„Habt ihr schon gehört, die Schmitts von Nummer 3 ziehen aus. Er hat einen tollen Job in der Stadt gefunden und eine großartige Schule für die Kinder gibt es da dann auch!“ verbreitete Jasmin den neuesten Tratsch.
„Ja, irgendwie leert sich die ganze Siedlung. Schmitts sind nicht die ersten. Alle scheinen plötzlich die ländliche Idylle hier satt zu haben und in die große weite Welt zu wollen.“ Jonas klang nachdenklich. „Na, bei einigen bin ich nicht ganz unglücklich darüber. Ich schmeiße eine Party, wenn Henry Müller an der Ecke oben ausszieht!“
Alle lachten.
„Sogar Janette und ihr Mann wollen von hier wegziehen“ berichtete Jenny. „Das finde ich eigentlich ein bisschen schade. Es hat so lange gedauert bis sie ein bisschen aus sich herausgegangen ist. Ich werde sie tatsächlich vermissen.“
„Aber mal was anderes“ wechselte Jonas das Thema. „Habt ihr auch das Ufo gesehen?“
„Oh ja, ich habe mich so erschocken“ stieg seine Nachbarin sogleich ein. „Es sah so verdammt echt aus! Ich dachte tatsächlich sofort an Außerirdische“
Letzte Woche war ganz dramatisch mitten in der Nacht ein UFO über dem Hauptplatz aufgetaucht und dann auf einem Feld draußen vor der Stadt gelandet. Es war Teil des alljährlichen Stadtfestes gewesen, das von den Einwohnern mit euphorischem Aufwand betrieben wurde.
„Wer hätte so eine wahnsinnige Inszenierung für ein Kleinstadtfest erwartet!“ sagte Jenny. „Nächstes jahr müssen wir da unbedingt hingehen. Ich habe gehört es gab auch eine richtig gute Band und einen kleinen Zirkus.“
„Bestimmt gab es auch einen Brokkolistand“ kicherte Jasmin.
Nach Weihnachten kam wieder Leben in die Siedlung. Es war still gewesen in der letzten Zeit, gruselig still. Das lag daran, dass fast alle Häuser in ihrer Straße und auch in den Straßen rundumzu leer gestanden hatten. Es war total irritierend, dass nach und nach alle Nachbarn ausgezogen waren und am Ende außer Jennys und Jonas´Haus und dem von Jan und Jasmin alle leer standen. Nur eine Familie zwei Straßen weiter war ebenfalls hier wohnen geblieben.
Doch plötzlich in der ersten Januarwoche änderte sich das schlagartig. Umzugswägen fuhren vor und in den ersten Häusern erstrahlte Abends wieder Licht. Innerhalb des restlichen Monats waren alle Häuser in der Siedlung wieder bewohnt. Jan hatte erzählt, dass die Stadtregierung wohl eine riesige Werbekampagne gestartet hatte um die Häuser wieder zu vermieten oder zu verkaufen, und dass diese augenscheinlich gefruchtet hatte.
Es war ein kalter Morgen im Februar, als Jenny ihre neuen Nachbarn kennenlernte, die in  Janettes Haus eingezogen waren. Sie waren sehr freundlich und lächelten viel. Doch außer „GutenMorgen“ „Guten Abend“ und so Sätze wie „Das Wetter soll besser oder schlechter werden“ hatten sie nicht viel zu sagen. Ein bisschen erinnerten sie schon an Janette und ihren Mann – nur viel schlimmer. Die Mentalität in dieser Stadt war echt sehr seltsam.
Als sie am Wochendende mal wieder bei einem Großeinkauf an der Supermarktkasse standen stieß Jonas Jenny an und deutete auf den Einkaufswagen vor ihnen.
Brokkoli, Nudeln, Milch, Eier, eine Kiste Wasser auf der Abstellfläche unter dem Wagen. Zwei große Tafeln Schokolade, Cornflakes und eine Flasche Spülmittel.

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